Samstag morgen, SR1 im Ohr, Potato vor Augen. "Ich hab ja schon meinen Vogel im Studio", sagt Mike Caspers gerade. Tim schläft. Zeit für Kaffee, Haarewaschen und Aufbrezeln fürs Bewerbungsfoto. Aber es regnet. Inzwischen ist es schon wieder mehr als zehn Jahre her, dass ich das letzte Mal bei ihr war. Damals hatte sie einen verdammt tiefen Ausschnitt und eine Perlenkette. Tim strahlte und zeigte seine Zähnchen - zwei Jahre war er damals. Ich bin schon wieder aufgeregt. Ich finde keine Pflaster mehr. Die Bettwäsche muffelt. Ich habe keine Lust aufzustehen. Kaffee, schmacht. Die Schwangerschaftsfotos erinnern mich an die Frauenärztin ein paar Meter weiter. Das war damals ein verrückter Tag bei ihr. Sie hatte meine Eltern angerufen, nachdem ich sie gefragt hatte, warum sie meine Schwester nicht von der Hysterektomie zurückgehalten hat, zumal ihre Enkelin grad zu stillen war und die Blutungen dadurch auch gestillt werden könnten. Damals hatte mir die Schlenk ihre Notarztdienste angeboten, aber letztendlich dafür gesorgt, dass ich in die Psychiatrie kam. Ein verrückter Tag eben. Meine Schwester hatte das Stillen mit Hinweis auf die Stärke der Blutungen und die Beratung der Schlenk abgelehnt. Die Schwangerenfotos zeigen kaum die Familie. Es regnet immer noch. Ich weiß noch nicht, was ich für das Foto anziehe. Groke fehlt mir. Uwe Groke fehlt mir. Im Ministerium ist auch ein Uwe. Der flucht immer, wenn er mit Dritten "alleine" ist und ich dabei bin. Ich sehne mich nach Haut, ganz Kellerkind in der Mansarde. Der Job im Keller schlaucht doch, so ruhig der Raum dort ist. Entweder ich bin im schattigen Großraumbüro-Kreuzfeuer oder in der kauzigen Kellergemeinde... Sonne auf der Haut wäre schön, Groke zum Aufwachen eben. Aber ich kann im Keller kein SR1 empfangen, nur MDR Figaro. Und das ist genauso trostlos wie der Keller. Deutschlandradio hat für die Wissenschaftsredaktion ab Oktober 2008 ein Volontariat in Köln oder Berlin ausgeschrieben. Nothing compares to you, läuft grad.
Als ich Nina von der euro-scene erzählt habe, hatte ich eigentlich erwartet, dass sie sich über die trostlosen Themen mokiert. Stattdessen erzählte sie, als sie von den Kindertotenliedern hörte, von einem pädophilen Religionslehrer, der gleichzeitig Sport unterrichtete, Wilhelm hieß und nach seiner angeblich tatsächlich praktizierten Schwanzvergleichinstruktion im Sportunterricht von der Kreuzschule verwiesen worden, aber nicht vom Dienst suspendiert worden sei. Letztendlich lief das Gespräch auf einen Antrag auf Kostenübernahme für die Praxisgebühr an das Kreuzgymnasium hinaus, das bei krankheitsbedingtem Fehlen bei Klausuren ein ärztliches Attest fordert. Der Schwanzvergleich lässt sich mit zehn Jahren Verzögerung wahrscheinlich kaum nachweisen, auch wenn es einen Onkel Thomas gibt, der das erlebt haben soll.
Samstag, November 10, 2007
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