Dienstag, November 07, 2006
90er Charme
Im Radio laufen seit heute früh 90er Titel. Bin ganz aufgewühlt. Ich seh mich wieder nächtelang durch die Wohnung spuken. Immer in Angst vor dem nächsten Tag. Vollgestopft mit dem Know How aus Larssen und Co. und zig Fragen im Hinterkopf, auf die ich bis zur Narkose sowieso keine Antwort kriegen würde. Dann, wenn ich trotzdem die eine oder andere Frage zwischen Tür und Angel platzieren konnte, ständig das genervte EsWirJemandVorbeikommen. OP-Plan als Gesetz und Überforderung als Standard. Immer ganz Versagensangst. Wenn ich geträumt hatte, waren das in der Regel Albträume. Und dann kam der für mich schlimmste Tag. Der Tag, an dem eine der Patientinnen bitter frotzelte UndBeiIhnenWerdeIchSterben. Es war die Hölle. Ein bißchen Geborgenheit wäre schön gewesen. Irgendjemand zum Anlehnen. Jemand, der Zeit hatte. Die 90er waren furchtbar. Die einzige Insel, die geblieben war, war die Musik. Und die hab ich mit Erinnerungen überfrachtet wie ein abgetragenes Kleid. Es war die Hölle. Bloß nicht wieder zurück müssen. The Last Warrior hatte ich für sie ausgesucht, musste es aber nie auflegen. Einen Filmtrack. Zu hoffen, dass tatsächlich jemand kommt, war meistens sinnlos. Gut wenn du dich dann wenigstens so weit abgesichert hattest, dass die ganze Vorbereitung so stand, das jeder x-beliebige andere an deiner Stelle sofort übernehmen konnte. Dass du austauschbar warst. Austauschbar zu bleiben war das größte Ziel, das ich damals hatte. Austauschbar für alles und jeden. Als ich dann ausgepowert in der Psychiatrie landete, blieb erstaunlicherweise eine spürbare Lücke zurück. Die hatten tatsächlich gemerkt, das jemand fehlte. Nicht am OP-Plan, aber an den Überstunden. Es war Wahnsinn. Hab meine Kinder kaum gesehen. Nur die Musik lief als Hintergrundrauschen. Ein Alb.
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