Montag, Juni 11, 2007
Gläsern
Du schaltest die Webcam an und bist gläsern. Ein Teil deiner Mimik ist zu sehen. Eigentlich ist es normal. Offline bist du beim Reden meist zu sehen, nur dass du kaum redest. Aber jetzt sieht du dich selbst. Und dann triffst du ein Gesicht, dass überhaupt nicht zu fixieren scheint, jedenfalls nicht dein Gesicht. Dein Gesicht, das inzwischen immer wächserner zu sein scheint. Aber so genau weißt du das nicht, du siehst dich ja nicht in der Webcam. Du siehst nur, wie dein Gegenüber den Monitor fixiert statt dein Gesicht, seine Geschichte erzählt und ungerührt bleibt, wenn es dich beim Zuhören schmeißt. Er hat die Geschichte schon oft erzählt, sagt er. Vater ist er vielleicht geworden, so genau weiß er das nicht. Sie will ihn nicht mehr sehen, glaubt er. Irgendetwas hätte er anders machen müssen. Es sei kompliziert. Dabei führt er dich Schritt für Schritt so sicher, dass du dich schon mit ihm auf dem Parkett siehst. Du bist gläsern, so gläsern, dass man dir eine Biografie vor die Füße kotzen kann, ohne befürchten zu müssen, dass du irgendwas veränderst, dass du auch nur einen Gedanken infrage stellst. Aber dieser umherirrende Blick, der dich überhaupt nicht zu bemerken scheint, verunsichert dich. An der Wand ein Foto, das aus der Zeitung ausgeschnitten ist. Es erinnere ihn an sie. Als er das erzählt, kracht es hinter dir stumm im Fernseher, ein Formel1-Unfall. Er ist weit weg. Irgendwo zwischen Zeitung und Fernsehen. Es scheint ihm gut zu gehen, so geborgen zwischen unterschiedlichen Reizen.
