Dienstag, April 10, 2007

Zurück von der Hirnwäsche

Komme grad wieder vom Psychiater: Die ganze Welt ist zum Schreien. Für ein Baby sei ich zu alt, außerdem soll ich daran denken, wer das Kind versorgt, wenn ich krank werde. Eigentlich müsste ich jetzt Monks anrufen, ob er mir eine Probearbeit schickt. Ich fühle mich mausgrau. Zum Verkriechen grau. Alles, was mich meint, scheint farblos abzublassen. Sogar die Digicam ist hier grauer als in Venedig. Das Licht ist anders, meine Haut fahl und das, was kommt, trostlos. Hätte die Müller-Greven sich darauf beschränkt, zu sagen, dass sie noch nicht in Venedig war, hätte ich sie verstanden. So viel Mensch auf so engem Raum waren dort, alle scheinbar auf der Suche nach einem bißchen Glück. "In Ruhe", war das Einzige, was ich auf ihr erschrecktes SieSindZuAlt antworten konnte. Mutter hat grad eine ehemalige Schülerin zu Besuch. Sie ist 66. Ihr Sohn ist dabei. Mutter schätzt ihn auf Mitte zwanzig. Sie wirkte viel jünger. Nicht, dass sie sympathisch war, aber sie hatte so viel Energie. Zu gut deutsch: Sie nervte. Hab drei Kilo zugenommen in den paar Minuten neben ihr. Wenn ich jetzt einen einzigen Wunsch frei hätte, würde ich mir ein paar Momente Groke Auge in Auge wünschen. Ihn zu sehen, während er spricht, das zu ahnen, was er dabei sieht, und dann zu relativieren, was ich in den letzten Tagen an Nähe gespürt hab, wäre gut. Mindestens so gut wie das Welt-der-Wunder-Praktikum zum Abgleich von Erlebtem. Gestern meinte Tino, ich wär sympathisch. Dabei hatte ich überhaupt nicht zugehört. Mein Schweigen hat ihn vielleicht beruhigt. Zum Glück hat er nicht nachgefragt. Ich koche mir jetzt ein Ei. Schweigend bin ich sympathisch. Er will mich sehen, sagt er. Er hat es eilig. Wolfgang schläft auf dem Bauch. Wenn ich alles geglaubt hätte, dann aber nicht, dass er auf dem Bauch schläft. Jetzt kocht das Eierwasser. Huberta schläft auf dem Rücken, er auf dem Bauch. Und da wundert er sich, dass er flacher schläft als sie. Sie ein bißchen zurückzuholen, wenn sie schnarcht, indem er die Nasenflügel streift, ist ihm zu riskant. Dabei liegt er auf dem Bauch. Ist die Feinmotorik in Bauchlage wirklich angepasster? Den Nasenflügel in Bauchlage zu streifen, ohne im Halbschlaf Abwehrbewegungen ausweichen zu können, ist ihm, wie gesagt, zu riskant. Typisch Wolfgang. Karin kann Bewegungen eindeutig beschreiben. Die Ringfingeraußenseite der rechten Hand kann er ja nur in Linksseitenlage benutzen, wenn er tatsächlich links neben ihr liegt. Ein schwieriges Problem. Auch nach Hirnwäsche. Bleibt das allnächtliche Aufwachen, wenn sie schnarcht. Irgendwann schläft er dann trotzdem. Spätestens wenn er nicht mehr auf dem Bauch schläft.

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