Tilo heißt er und kann herrlich strahlen. Ein Ponny und einen Hund hat er und wohnt in einem Turm. Mitten im Funkloch unterm Fernsehturm. Das Telefonhäuschen ist ziemlich weit weg. Ein Münztelefon. Fast wie in der Klapper klingt das, wenn Münze für Münze in der Kiste verschwindet. Ich glaube, das war die linke Hand. Gatzweiler hat links gesessen. Das ist alles schon so lange her. Manchmal wünsche ich mir, ich wär nie Arzt geworden, dann könnte ich über alles schreiben, was ich erlebt habe. Journalist zu sein, ist schon der bessere Job.
Lieber Markus, ich bin seit ein paar Tagen bei einer Zeitung und dadurch auch mit Fotografen unterwegs, sehe also den Fotografierten beim Fotografiertwerden. Deine Fotos helfen mir sehr, mir die Gesichter zu den Radiostimmen vorzustellen, zumal ich sie selber so noch nie gesehen hab. Danke. Komisch ist das zeitlich Versetzte. Dass ich erst Jahre später diese Momentausschnitte sehe. Aber ein bißchen kann ich dann den Moment ahnen, wie er gewesen sein könnte. Danke. Du hilfst mir sehr. Morgen bin ich wieder mit Fotograf unterwegs. In Cossebaude. Gläsern zu sein, ist mir wichtig. So gläsern, dass das, was ich sehe, deutlich wird. So unwahrscheinlich das Wahrgenommene auch ist. Gestern rief mich ein Patient an. Patient deshalb, weil ich vor vierzehn Jahren bei seiner Notfall-OP dabei war. Das war einer der wenigen Dienste, die ich als Arzt gemacht hatte. Ich hatte inzwischen oft an ihn gedacht. Aber dass ich ihm auch durch´s Hirn gespukt sein muss, hab ich gestern erst begriffen. Es war unwahrscheinlich, woran er sich noch erinnerte. Er schien gläsern für mich zu sein damals. Inzwischen hab ich erkannt, dass ich draußen war. Ich hab nur einen winzigen Bruchteil von dem erfasst, was er durchgemacht haben muss, obwohl ich ihn die Stunden damals wie eine Schmeißfliege begleitet hab. Er ist in sämtliche Fallen gerutscht, die nur denkbar sind. Von Herz-OP bis hin zur Amputation. Und das nach einer simplen Hand-OP. Mir ist schon klar, dass ich mit ein paar Stunden Begleiten kaum in ein Leben eingreifen kann, aber meiner Allmachtsphantasie tat das mindestens genauso weh wie das Blättern meiner Eltern in der gestrigen Zeitung: Sie haben mich einfach nicht gelesen. Ich war zu weit weg. Dabei hab ich die Äpfel fotografieren lassen, die sie mir kurz vorher geschenkt hatten und drüber geschrieben. Sie haben nicht mal meinen Namen gelesen. Nicht mal, als ich sie gebeten hatte, nach mir zu suchen. Hab dann über Nähe spekuliert. Über gefühlte und über realisierbare Nähe. Damals bei der Notfall-OP hatte ich gerade einen Hypnosekurs abgeschlossen und alles frisch Gelernte in die Minuten gepackt. Und dann kriegt der doch tatsächlich einen Sudeck und muss den kleinen Finger amputieren lassen. Zwar zwölf Jahre später, aber amputieren. Hab gegrübelt, was überhaupt machbar ist. Kurz vor dem Einsetzen des Sudeck hatte er die Herz-OP. Und am OP-Vorabend hatte er bei mir angerufen. Ich hatte Angst um ihn. Das kam rüber. Mehr nicht. Ich war mies drauf. Er hatte dann brüsk aufgelegt und kurz nach der OP den Sudeck entwickelt. Klar ist das meiste multifaktoriell. Grad bei Reflexdystrophien. Aber mir ist schon klar, dass ich eine Chance verschenkt habe. Hab nur meine/seine Angst gespiegelt, statt zuzuhören. He, das sollte eine Mail werde. Inzwischen ist sie so lang geworden, dass ich sie lieber in den Blog stelle, als dich damit zu erschlagen.
Montag, Dezember 25, 2006
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