
Exter war weit weg, mindestens zehn Sekunden, wie immer. Komisch. Abgesehen davon habe ich auch nichts Erregendes gefunden. Nur einen Fotoband zur weiblichen Scham kombiniert mit Mohnknospen, Astlöchern und Muscheln im Sand. Hab an Andreas denken müssen, dieser Geruchs-Messie hat sich beobachtet und entdeckt gefühlt, sobald er ein Mädchen Eis lecken sah. Wobei er sich dann beobachtet fühlte, hat er nicht gesagt. Nur dass sie seine Gedanken lesen könnten. Als wir im Frühling unter Linden gingen, hatte er Angst, ein Messer in den Händen zu haben. Die Lindh war gerade ermordet worden. Er tat mir leid. Ich weiß nicht warum. Aber die Angst kannte ich. Die Angst selbst derjenige zu sein, der gerade schuldig geworden ist. Eine irrationale Angst. Tantra. Scham. Schuld. Wo beginnt Austauschbarkeit? Wir haben alle ein Bett in einem Aufwachzimmer, das auf uns wartet. Jeder von uns wacht irgendwann auf. Wie oft muss sich ein Ereignis wiederholen, um austauschbar zu werden? Wenn ich Grokes MySpace-Seite anklicke und der Login sich verändert hat, ist das immer noch aufregend. Ein Klick, der verbindet. Hab Andreas selten vertraut, nicht mal wenn er schlief. Es war, als ob eine negative Energie von ihm ausging. Egal was er machte. Sogar wenn er den Ritterstern ins Kellerfenster gestellt hatte oder wenn er eine Johannisfeige im Schlosspark geklaut hat. Alles schien so bedeutungsgeladen zu sein. Es war als ob ihn der Unsichtbare ständig begleitete und provoziert werden wollte. Das Messer unter den Linden war nur ein Symbol von vielen. Am schlimmsten war es, wenn er betrunken war und etwas erzählen wollte. Es war dann so verworren, dass ich im nächsten Moment damit gerechnet hätte, dass er mich umbringt. Er konnte dann stundenlang Holz hacken. Mir war selten jemand so fremd. Tagelang vergaß er zu essen, trank Kaffeeschlamm und irgendwelchen Schnaps, bis er Blut kotzte. Als ich dann rote Laken aufzog, wurde er wütend. Hab dann keine Schüssel gebracht, er sollte die Flecke auf den Schaffellen sehen. Tim hat mir versprochen, keine Knaller auf seiner Silvesterfete zu zünden. Die Lindh ist im Herbst umgebracht worden. Aber das Gespräch unter den Linden muss im Frühling gewesen sein, die Blätter waren hell und die Sonne tat gut. Ich hatte ihm grad davon erzählt, dass ich den Flieder hochschwanger gesenst hatte und dass mir Werner deshalb eine eigene Sense geschenkt und seine weggeschlossen hatte. Bis dahin war der Weg hinterm Haus fast zugewachsen. Der Weg, auf den uns Hess langschicken wollte, quer durch den Wald, nachdem er auf unserer Zufahrt Tomaten und Erdbeeren gepflanzt hatte. Aber das ist eine lange Geschichte, noch dazu eine ziemlich traurige. Flieder zu sensen, tut verdammt gut. Auch barfuß. Aber inzwischen würde ich mir wahrscheinlich auch Gummistiefel anziehen und wäre in Gedanken. In Spanien ist heute sowas wie der 1. April. Damals hatte ich Angst um Andreas, sein Atem roch nicht mehr nach Sand, sondern schon nach Schwarzerde. Daher das Fell. Aggressiver ging nicht. Er schien schon innerlich zu verrotten, gleichgültig und selbstvergessen. Ihn rauszuschmeißen ging nicht mehr. Dafür war es zu spät. Irgendwann hat er sich getrollt. Geblieben sind ein paar herzzerreißende Briefe aus dem Entzug danach: Seine Mutter hat ihn nicht mehr in ihre Wohnung gelassen. Eine verrückte Familie. Was sie nicht umbringt, macht sie hart, schien ihre Devise zu sein. Christian Balser hat eine seiner Webseiten immer noch nicht vom Netz genommen. Eine Datenleiche im Weltweiten. Hab meinen Eintrag nicht vollständig löschen können. Peinlich. Am Mikro wirkt er so sortiert, und dann so eine Webseite. Der verzettelt sich eben doch. Und mit dem habe ich vor Groke geprotzt. Nur weil er auf Jump aufgeräumt wirkte. Alvers und Alvar muss ich auseinanderhalten. Die Knispel macht komische Verkehrsmeldungen: Ich kann keinen Zusammenhang zur WDR-Webseite erkennen.

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