Mittwoch, Dezember 26, 2007
Heute bin ich in der Dresdner Straße 81 gewesen, im Garten. In der Küche brannte Licht. Da hantierte jemand. Mir war fremd. Nicht mal der Gedanke an Groke half. Alles war so beziehungslos. Der Garten war zugewachsen, das Duftbeet inzwischen eine Wiese und der Holzschuppen beim Nachbarn weg. Stattdessen quäkte Grits ehemals dicker Bauch hinter einem offenen Fenster. Grad fiel eine Tür ins Schloß. Der Kneipier vom Dobritzer Sportcasino ist heimgekommen. Mit Hund. Hab ihn noch nie so poltern hören, aber er muss es gewesen sein. Fremd. Nicht mal Google kennt ihn. Hab seinen Namen schon wieder vergessen. Der ist hier nur zum Übernachten. In der 81 kannte ich jeden Baum. Hier gibt es keine Bäume, nur Menschen hinter namenlosen Türen. Wo die Kastanien standen, hat Axel inzwischen Birkenklötze hingestellt. Eigentlich wollte ich damals nur weg. Wohin, war mir egal. Werner hat inzwischen viel gefällt, die ganzen Bäume am Haus. X. sagt, sie ist oft dort. Ich bin nirgendwo oft. Bei Aldi vielleicht. An der Kasse. Der Chef dort hat den Tomatensaft aus der Palette genommen. Was ist Heimat? Ist Aldi-Tomatensaft Heimat? Lachscreme verkauft er auch nicht mehr. Die Regale stehen anders. Nur die Gummibären liegen da, wo sie immer lagen. Vorhin stand da was in meiner Mailbox von jemandem, der sich Freigeist nennt. Er lernt vielleicht eine wunderbare Frau kennen, schreibt er. Und wer zuerst schreibt, hätte schon verloren. Ob Groke zu Hause genauso zurückgezogen lebt wie der Kneipier mit seinem Hund, übersättigt von den vielen Menschen, zu denen er auf Arbeit spricht? Ich wusste bis gestern nicht mal, dass es in Dobritz ein Casino gibt. Google weiß es auch nicht. Ich kann nicht mal den Sportverein zuordnen. Hab den Freigeist gefragt, was die Saarbrücker Zeitung jeden Neuankömmling in der Community fragt. Noch ein bißchen mehr. Worüber er sich zuletzt geärgert hat, wollte ich wissen. Vater hat mich gefragt, was ich mache, ohne auf eine Antwort zu warten. "Who wants to live for ever", singt Queen grad. Beziehungslos. Valli mag Mika und lehnt Alter Bridge ab, sagt Tim. Ich staune, dass Tim so was Lyrisches wie Alter Bridge mag. Aber auf das Konzert im Februar habe ich keine Lust. Extra nach Berlin zu fahren, finde ich blöd. Außerdem ist mir ein ganzes Konzert zu kompakt, zu viel. So lange kann ich mich nicht konzentrieren. Der Stollen liegt immer noch schwer im Magen. WDR2 ist das. Johannes Simon. Blond ist der inzwischen. Sein Steckbrief ist eigenartig. Da ist nichts Vertrautes. Nichts, was reinzieht in die Biographie. Wann zieht eine Biographie überhaupt rein? Es war jedenfalls alles viel zu glatt und geradlinig, kein bißchen in sich gebrochen, ganz Bühne - ein Job, austauschbar wie der Moment. Ein bißchen unglücklich. Ich sei in letzter Zeit so verbittert, sagt X. Wann diese letzte Zeit für sie begonnen hat, weiß ich nicht. Vielleicht fällt ihr der Gegensatz zu Eva auf. Eva tut so glücklich mit ihren drei Kindern und dem Hartz IV. Aber sie zieht mich nicht an. Mich zieht niemand an. "Nicht die Mama". Vielleicht bin ich wirklich verbittert, reif für den Fernsehsessel. Irgendwo im Weltraum kriegen grad ein paar Leute frische Luft und Briefe. Mutter hat Tim und X. rote Handtücher geschenkt, ich war geschockt. Eine Fremde schenkt meinen Kindern Handtücher. Sie hätten keine, sagt sie. Zu fragen hat sie sich abgewöhnt. Die Klinken klebten. Überall lagen ihrige schmierigen Lappen, trotzdem klebten die Klinken. Einer sei für den Herd, einer für den Tisch und einer für den Abwasch. Ich hab noch nie jemanden so neurotisch Wasser sparen sehen. Als wir kamen, behielt sie einen ihrer Lappen in der Hand. Ob ich auch irgendwann in Lappen ankere? Sie hat das Rotkraut gezuckert. Wahrscheinlich war es sogar selbstgeraspelt. Vor lauter Zucker war es so matschig wie ihre Lappen. Die Knödel standen im Wasser. Aber der Braten war perfekt - cross und leicht blutig. Franz behauptete, dass er noch nie so gut gegessen hat.
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